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qualitative Forschung

Unser Alltagsverständnis von Forschung ist dominiert von Vorstellungen, die aus den Naturwissenschaften stammen. Hierbei geht es um objektive Erkenntnisse, die durch Beobachtung und Ordnung von Phänomenen (Klassifikationsbildung, Typologien), durch Hypothesenbildung über Ursache-Wirkungszusammenhänge und deren Überprüfung durch Messungen unter möglichst experimentellen Bedingungen.

Das Ziel dieser Forschung ist letztlich, die Welt (bzw. heute etwas bescheidener: Teile oder Aspekte von ihr zu erklären). Für dieses Verständnis von Forschung verwendet man Etiketten wie "quantitative Forschung (weil es um das Messen geht, das Zahlen produziert, die statistisch ausgewertet werden können), oder "experimentelle Forschung" oder "deduktiv-hypothesentestende" Forschung. Kritiker nennen sie "reduktionistisch", weil diese Art von Forschung die Dinge wie mit einem analytischen Skalpell in seine Einzelteile zerlegt (reduziert), aber dabei den Blick für "das Ganze" verliere. Hinweise auf die Grenzen der naturwissenschaftlich orientierten Forschung können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Messen, Zählen und Auswerten von Daten für die Evidenzbasierung der Physiotherapie unverzichtbar sind.

Ungeachtet dessen spielt aber ein dazu alternatives Forschungsverständnis und die damit zusammenhängende Forschungsmethodik eine ebenso wichtige Rolle in der Reflexion therapeutischen Selbstverständnisses, in der Reflexion unserer Kommunikation untereinander, mit Patienten/Klienten, Angehörigen anderer Berufsgruppen und vor allem auch darin, ein Verständnis für das Verhalten und Erleben unserer Patienten/Klienten zu gewinnen. Diese andere Forschungsverständnis ist das der qualitativen Forschung.
Geht es der quantitativen Forschung ums "Erklären", um das "Objektive", so geht es der qualitativen Forschung zunächst ums "Verstehen" und um das "Subjektive".

Verstanden werden sollen durch die Methoden der qualitativen Forschung subjektive Erlebnis- und Lebenswelten von Menschen und die Sinn- und Bedeutungszuweisungen, die sie Erfahrungen und Situationen geben.

Dies kann sich z.B. beziehen auf die Rückgewinnung von Selbstbildern bzw. deren Anpassung nach Unfällen oder Erkrankungen, die dauerhafte Behinderungen zur Folge haben. Ein Wissen über die psychischen und kognitiven Prozesse, die in Menschen, die z.B. eine Querschnittlähmung oder eine chronisch-degenerative Erkrankung erfahren, ablaufen, sind von essentieller Wichtigkeit für die Gestaltung des therapeutischen Prozesses in der Rehabilitation.

Es kann sich aber auch beziehen auf den Umgang von Berufsangehörigen mit neuen professionellen Herausforderungen, wie z.B. der der "Evidenzbasierten Praxis" oder dem Ansatz der Klientenzentrierung.

Es kann sich beziehen auf die Kommunikation im Team, auf die Erfahrungen von Berufsanfängerinnen, auf das Erleben der Kooperation mit z.B. Ergotherapeutinnen oder darüber, welche Stressmomente im Berufsalltag besonders belastend sind.

Solche Fragestellungen, die auf ein Verstehen von subjektivem Erleben abstellen, entziehen sich zunächst einer messenden Herangehensweise. Sie können aber mit Hilfe der qualitativen Forschungsmethodik untersucht werden.

Typische qualitative Methoden sind insbesondere: Die teilnehmende Beobachtung, die Gruppendiskussion, ausführliche nichtstandardisierte Interviews, Videobeobachtungen, Auswertung von Tagebüchern oder anderen Dokumenten.

Sowohl die qualitative als auch die quantitative Forschung können zur Bildung eines professionssphysiotherapeutischen Wissensfundus beitragen. Welche Herangehensweise sinnvoller ist, hängt v.a. ab von der zu untersuchenden Fragestellung und von dem bereits vorliegenden Wissen zu einer Fragestellung.

Literatur

  • DePoy E., Gitlin L.N. (1998) "Introduction to Research. Understanding and Applying Multiple Strategies". Verlag Mosby, St. Louis, Baltimore, Boston
  • Domholdt E. (2000) "Physical Therapy Research. Principles and Applications". Verlag W.B. Saunders, Philadelphia, London, Toronto
  • Hammel K.W., Carpenter C., Dyck I. (2000) "Using Qualitative Research. A Practical Introduction for Occupational and Physical Therapists". Verlag Churchill Livingstone, Edinburgh, London, New York
  • Mayer, H. (2001) "Pflegeforschung. Elemente und Basiswissen". Facultas Verlag, Wien
  • Scherfer E. (2003) "Einige grundsätzliche Überlegungen und von zwei ganz verschiedenen "Richtungen": der quantitativen und der qualitativen Forschung". Zeitschrift für Physiotherapeuten, Vol. 55, Nr. 8, S. 1358-1364

 

 siehe auch: deduktiv, empirisch, Evidenzbasierte Praxis, Evidenz, Experiment, Hypothese, induktiv

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